Schmerz, lass nach!

Reflexionen

Wie viel Trauer ist normal? 

Die ersten Monate nach dem Tod meiner Mutter waren viel Logistik und Erledigungen, danach fiel ich erst mal in ein Loch. Und dann fing der Trauerprozess erst richtig an.

 

Das sagt eine Trauernde im Gespräch mit friedlotse, die sich nun, zwei Jahre später, nach eigenen Angaben noch im aktiven und gesunden Trauerprozess befinde. 
Viele, die noch keinen großen Verlust erlebt hatten, sagten ihr irgendwann: „Ist doch auch mal gut. Eltern sterben halt.“

Aber das Unterbewusstsein und sogar das iPhone schrien in regelmäßigen Abständen: „Hier, schau mal! Eine Erinnerung!“ Da irgendeine Form von Zeitmesser reinzubringen – ist das nicht absurd? 

 

 

Dass es mit dem berühmten Trauerjahr oft nicht getan ist, kann wohl auch Carina Stöwe bestätigen. Durch den Suizid ihres Vaters wurde sie als 17-jährige mit dem Tod konfrontiert. Sie beschäftigte sich mit vielen der damit zusammenhängenden Themen aber erst viele Jahre später – nämlich, als sie ihren eigenen Podcast über den Tod („Am Ende interessiert es jede*n“, früher: „Tod Unplugged“) ins Leben rief. 

"In der ersten Zeit nach dem Todesfall erzielen Trauerbegleitung und Therapie häufig nicht die Wirkung, die sich ein*e Trauernde*r erhofft, da diese nicht den Schmerz in Luft auflösen können", sagt Stöwe, die sich auf Kanälen wie Instagram aktiv mit Themen wie mentale Gesundheit, Persönlichkeitsentwicklung und Achtsamkeit auseinandersetzt. 

Direkt nach dem Verlust sollte man versuchen, die Gefühle zuzulassen und sich darauf zu konzentrieren, was einem in dem Moment guttut. Ressourcen aufladen. Die Trauer kann man sich meist erst wirklich genauer anschauen, wenn der Schock verarbeitet ist.

 

 

Heute, als erwachsene Frau und erfolgreiche Unternehmerin, spricht sie auch wieder viel über ihren Vater, vor allem in der Therapie, die sie derzeit macht. „Kognitiv fühlt sich das Erlebnis um seinen Suizid herum fast abgeschlossen an; ich kann seine Entscheidung zu einem gewissen Grad sogar verstehen und akzeptiere sie als Teil meines Lebens.
Aber ich merke, dass die anderen Themen unserer Beziehung und seiner Person noch nicht ganz aufgeräumt sind und auch das ist ja ein Teil der Trauer. Ich kämpfe jetzt andere Kämpfe, als den Verlust zu bewältigen. Es sind andere Schauplätze dazugekommen.“

Bei Brenda Strohmaier ist es fünf Jahre her. Im Frühling 2016 verstarb ihr Mann Volker nach langer Krankheit – ein Einschnitt, den sie in ihrem Buch „Nur über seine Leiche“ so bewegend wie (ja, tatsächlich!) auch unglaublich humorvoll beschreibt. 

Genau wie Stöwe, die zur Selbsttherapie joggen ging (obwohl sie es nach eigenen Angaben „hasste“), hat Strohmaier in den Jahren nach dem Verlust gute Erfahrungen mit der bewussten Verkörperlichung ihrer Trauer gemacht. So konnte sie einen emotionalen Zugang zu ihr finden: „Ich habe mal ein schamanisches Trauerseminar gemacht, bei dem man tanzen und Leute umarmen und im Kreis sitzen sollte“, erzählt sie. „Man sollte einen Stein mitbringen, an den man ‚seine Trauer heften‘ konnte. Ich brachte einen mit, der etwa ein Kilo schwer war – einen Monsterkiesel. Der hatte bis dahin meine Wohnzimmertür aufgehalten.“

 

 

Erst jetzt, viele Trauerrituale später, lasse der Schmerz langsam nach, und das, obwohl sie keine Depression oder Störung gehabt, sondern einfach „nur“ Trauer erlebt habe, so Strohmaier. 

Zwischen drei und fünf Jahren kreisten die Gedanken ständig oder sehr viel um meinen Mann. Jetzt wird es langsam deutlich weniger. Aber wenn du denkst, dass du das in einem Jahr erledigt haben musst, kreiert das einen immensen Druck.

 

Aktuelle Trauerforschung geht nicht mehr von dem früher weit verbreiteten Modell der zu durchlaufenden – und abzuschließenden – Trauerphasen aus, sondern eher von wiederkehrenden Zyklen, einem dynamischen Prozess. Das beschreibt zum Beispiel die Handreichung „Trauer und Trauerbegleitung“ des Deutschen Hospiz- und PalliativVerbandes e.V. 

„Es kommt auf die individuelle Belastung an, unter der ein Mensch steht“, sagt der Trauerbegleiter Klaus Onnasch (Aktuelles Buch: Trauer und Freude), der der Arbeitsgruppe des Verbands angehört und sich schon lange an der Diskussion rund um die „Anhaltende Trauerstörung“ rege beteiligt. „Diese Belastung kann unerträglich werden durch den jeweiligen Verlust, aber nicht durch die Trauer selbst.“
 

Die Trauer an sich hat eine heilende Kraft und ist keine Störung.

 

Das sagt Klaus Onnasch und ergänzt: „Ich finde es ganz wichtig, dass der Mensch in seiner individuellen Trauer ernstgenommen und nicht zum Objekt wird.“

„Die Art des Todes oder die Persönlichkeitsstruktur eines Menschen können durchaus zu einem erschwerten Verlauf der Trauer führen, besonders in den ersten sechs Monaten“, sagt uns zudem der Lebensbegleiter und Ritualgestalter Hermann Bayer (Lebenscafé). Jedoch sei Trauer prinzipiell keine Krankheit, „sondern eine natürliche Reaktion auf den Verlust eines geliebten Menschen“.

Die Wahrnehmung, dass Trauer eine zu therapierende Krankheit sein könne, werde laut Bayer auch davon beeinflusst, dass viele Trauernde direkt nach dem Verlust des Menschen eine beruhigende Medikation von ihren Ärzten bekämen, sowie der Tatsache, dass beispielsweise Psychotherapien von den Krankenkassen bezahlt würden im Gegensatz zu Trauerbegleitungen. Hermann Bayer sagt:

Ich bin froh, wenn die Behandlung der Trauernden gezahlt wird, aber es macht mich traurig, wenn Trauernde als krank bezeichnet werden.

 

Sollte jemand zu ihm kommen mit den Worten: „Ich kann nicht mehr“, oder: „Ich komme nicht darüber hinweg“ – was nach seinen Angaben häufig geschehe –, gäbe es oft andere Wege als den der Therapie oder Medikation, vor allem, wenn sich Trauerbegleitende und Trauernde gut kennen. 

„‚Darüber hinwegkommen‘ ist ein gängiges Bild eines Trauerweges, das wir in unserer Gesellschaft haben“, so Bayer. „Ich frage dann gerne: Was bedeutet das genau? Müssen Sie das – ‚darüber hinwegkommen‘? Unsere Sprache suggeriert uns gerne, dass wir etwas ‚verarbeiten‘ oder ‚über etwas hinwegkommen‘ müssen. Wir wollen nicht akzeptieren, dass dieser Prozess uns ein Leben lang begleiten kann.“
 

 

Einen neuen Blick auf Trauer und damit verbunden einen veränderten Umgang mit Trauernden wünscht sich auch Barbara Rolf, Direktorin Bestattungskultur bei der Ahorn Gruppe: „Oft wird Trauernden nahegelegt, dass sie zu Dingen nicht in der Lage sind, die sie sich eigentlich wünschen. Warum dürfen wir nicht mal eintauchen in Schmerz und Verzweiflung, in Wut, auch in Starre oder Ohnmacht? Warum trauen wir den Menschen nicht zu, auch wiederaufzutauchen?“

Wir dürfen nicht im Weg stehen, wenn Menschen die Chance und den Wunsch haben, existenziellste Erfahrungen zu machen, ihre riesige Stärke zu entdecken, ihr Leben völlig neu zu erfahren und zu spüren und über sich selbst hinauszuwachsen.

 

Gleichzeitig ist es laut Hermann Bayer seine Verantwortung, gemeinsam mit den Trauernden über ihren Prozess zu wachen und gemeinsam zu beraten, ob und wann es Zeit für eine Therapie sein könnte. „Aktuelle Trauer kann viel Altes hervorbringen“, so Bayer. 

In diesem Fall schlägt der Deutsche Hospiz- und PalliativVerband die bereits erprobte und bewährte Klassifizierung der „Posttraumatischen Belastungsstörung“ (PTBS) vor, die durch ein Trauma hervorgerufen wird. 

„Diese spezifische Störung ist gekennzeichnet durch einen Verlust (nicht zwangsläufig Tod) und die besonderen Erschwernisse, die sich durch die Weise des Verlustes und durch die sehr schwierigen Umstände (Vorgeschichte des trauernden Menschen, mangelnder Zugang zu eigenen Selbstheilungskräften, Familiensituation etc.) ergeben“, heißt es in der Handreichung. 
 

 

In jedem Fall sind die transformativen Kräfte der Trauer nicht zu unterschätzen. „Ich bin durch diese Tore gegangen und werde nie mehr die werden, die ich vorher war“, sagt die eingangs zitierte Trauernde. „Dafür werde ich mich auch nicht entschuldigen.“

Doch: Aller Wahrscheinlichkeit nach wird es leichter werden. 
Auf der Facebook-Seite der Trauerbegleiterin Chris Paul war neulich zu lesen: „Eine verzweifelte Klientin saß heute Morgen vor mir, kurz nach dem plötzlichen Tod ihres Mannes. ‚Was mache ich, wenn es in einem Jahr immer noch so schlimm ist?‘, fragte sie. Ich konnte ihr zusichern, dass es in einem Jahr anders schlimm sein wird, in größeren Abständen und mit mehr Unterbrechungen durch Momente von Normalität. Und in aller Schwere haben wir später einen Augenblick lang miteinander gelacht.“

Zuversichtlich darf uns stimmen: „Trauer kann man, ohne dass man es weiß“, sagt Brenda Strohmaier. „Wenn sie da ist, wird man’s schon hinkriegen. Sie wird zu einem passen, so wie der Tod zu einem passt.“
 

 

Die „Anhaltende Trauerstörung“, die eine Therapie nach „anhaltender Verzweiflung“, „nicht nachlassender Sehnsucht“ oder „andauerndem Rückzug“ jenseits der sechs Monate nach einem Todesfall rechtfertigt, wurde neu als eigene psychische Diagnose ins Register der WHO aufgenommen. 

 

Hilfreiche Links zum Umgang mit Trauer und Trauernden: 

Ahorn Gruppe: „Orientierung in Zeiten der Trauer“
https://www.ahorn-gruppe.de/bestattungskultur/trauer/
 
Gedanken auf der Seite von Bestattungen Rolf
https://www.bestattungen-rolf.de/trauer_ist.htm 
https://www.bestattungen-rolf.de/wenn_ein_freund_stirbt.htm
https://www.bestattungen-rolf.de/wie_zeigt_man__am_besten_mitgefuehl.htm
 
Trauer für Kinder und Erwachsene leicht erklärt:
https://www.youtube.com/watch?v=oX5W8Y8pVus
 

[Fotos: Angelika Frey, Tänzerin: Juliane Kempe]





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