Kinder und Tod

Rituale

Was wir von jungen Menschen über Sterben, Abschied und Jenseits lernen können

Erinnerst du dich daran, wie es damals war, als du das erste Mal verstanden hast, dass du sterben wirst? Dass alle, die du liebst, irgendwann sterben werden und du nichts dagegen tun kannst? Dass du nicht mal weißt, was das genau heißt? 

Die dunkleren Gedanken, die wir als Kinder haben, wenn wir glauben, die Tragweite dieser Vorstellung das erste Mal zu erfassen, versuchen wir im Laufe unseres Lebens wieder loszuwerden. Bloß nicht zu nah an uns heranlassen – diese Dunkelheit, diese Angst, diese Ungewissheit. 

Als Kinder stellen wir uns diesen Empfindungen furchtloser, sind noch wenig gesellschaftlich geprägt in unserem Umgang mit Tod und Trauer. Wir erlauben uns einerseits, von unserer Hilflosigkeit überwältigt zu werden und andererseits, unsere eigenen bunten Fantasien zu entwickeln, etwa dazu, wie es danach mit uns weitergehen könnte. 

Was passiert auf dem Weg zum Erwachsensein, das es uns so erschwert, eine offene Auseinandersetzung mit dem Tod zu haben? Und was können wir von Kindern lernen?

friedlotse hat mit ihnen und ihren Bezugspersonen gesprochen. 

 

 

Aaliyah bekam die Krebsdiagnose im Alter von 14 Monaten. In den dreieinhalb Jahren, die es bis zu ihrem Tod noch dauerte, entwickelten sie und ihre Mutter eine fast schon telepathische Kommunikationsebene.

„Sie wusste, dass sie krank ist. Es war aber nie Thema, auch nicht, als sie älter wurde. Es war einfach so. Wir konnten nur versuchen, das Beste draus zu machen.“

Laufen, Sprechen, Dreirad fahren – all das lernte Aaliyah im Krankenhaus. Als ihr Tod merklich näher rückte, begann sie, ihrer Mutter von ihren ersten Versuchen des Loslassens zu berichten. 

Wir haben übers Engelwerden gesprochen. Sie meinte zu mir, sie sei geflogen, aber sie habe noch Angst. Und da habe ich zu ihr gesagt: ‚Vielleicht waren die Flügel noch nicht stark genug. Wenn es so weit ist, dann kriegst du ganz viel Liebe von mir, du ziehst deine Glitzerflügel an, und dann holt dich deine Oma ab und ihr fliegt zusammen.

 

Aaliyah suchte sich ihre Kleidung für diesen Moment beim Shoppen mit ihrer Mutter selbst aus: Ballerinas und ein pinkes Glitzerkleid, dazu kamen dann später ihre pinken Glitzerflügel. Sie gab außerdem genaue Anweisungen, was sie an ihrem neuen Ort noch brauchen würde: ihre Kuscheltiere, die Lieblingskette, einen selbstgestrickten Schal und ihren Schnuller. 

Es brauchte einige Anläufe, doch dann flog sie. Kurz vor ihrem fünften Geburtstag. 
Zurück blieben ihr Körper, ihre sorgsam ausgewählten Habseligkeiten und ihre Mutter, die sich oft fragt, wie ihre heute 13-jährige Tochter wohl im Diesseits aussehen würde. 

Trotzdem sagt sie: „Das waren die schlimmsten und die schönsten Jahre meines Lebens. Meine Tochter hat mir die Bedeutung von Stärke und Liebe gezeigt.“

 

 

Maya ist zehn und erinnert sich an den Moment, als sie sich von der Nachbarin verabschieden musste. Mayas Mutter, die früher in einem Bestattungsinstitut gearbeitet hatte, scheute die Begegnung mit dem Tod weder für sich selbst, noch für ihre Kinder und so kam es, dass sie die ältere Dame nach einigen freundschaftlich verbundenen Jahren als Familie beim Sterben begleiteten. 

„Ich habe sie gefragt, ob sie von oben auch immer auf mich aufpassen würde, so wie wir auf sie, und sie hat ‚Ja‘ gesagt“, erzählt Maya. Und ihre Mutter ergänzt: „Zu dem Zeitpunkt sprach sie eigentlich schon nicht mehr. Sie hat ihre ganze Kraft zusammengenommen, um es ihr zu versprechen.“ 

Als die Tochter der Mutter später in der Küche noch einmal von diesem letzten Gespräch erzählt, fällt ihr Schulranzen um, und danach noch viele Male, wenn die Rede von der Nachbarin war. 

Für Maya ein sicheres Zeichen, dass dem Versprechen von höherer Instanz aus Folge geleistet wurde: 

Immer wenn ich die Augen geschlossen habe, war Karin da.

 

Sogar die Katze der Nachbarin, die die Familie nach ihrem Tod zu sich nahm, wurde zur gefühlten Botschafterin des Jenseits, sah mit der Zeit sogar immer stärker aus wie ihre verstorbene Besitzerin, was nicht nur für die Kinder tröstlich war. 

 

 

Diese Art magischen Denkens, die für Kinder in bestimmten Altersphasen charakteristisch ist, kann auch für Erwachsene hilfreich sein, gerade in Zeiten von Tod und Trauer. 

„Man kann zum Beispiel einen Stein mit guten Wünschen von Familie und dem Freundeskreis aufladen und ihn ins Krankenhaus bringen“, sagt Trauerbegleiterin Barbara Hummler-Antoni. 

Oder, wenn der Tod bereits eingetreten ist, kann man Luftküsse durchs Fenster in den Himmel schicken, Ballons steigen lassen, also Brücken bauen zu allem, was „oben“ ist. Denn die Vorstellung einer aufwärts gerichteten Bewegung der Seele nach dem Tod ist eine, die fast allen Menschen – unabhängig von Kultur und Religion übrigens – plausibel ist. 

 

Es hilft, sich einen Ort vorzustellen, wo es dem verstorbenen Menschen gut gehen kann,

so Beate Seemann, die als Familientrauerbegleiterin bei LAVIA arbeitet. „Es gibt für Kinder den Ort ‚unten‘, wo der Körper hingeht, den Ort ‚oben‘, wo die Seele hingeht. Und dann gibt es noch den Ort ‚bei mir‘, den man zum Beispiel beim Anzünden einer Kerze fühlen kann. 

Sie bauen außerdem ganz selbstverständlich Elemente des alltäglichen Lebens mit ein. Wenn die Mutter immer viel zum Sport gegangen ist, rutscht sie nach dem Tod eine Regenbogenrutsche rauf und runter. 
Und wenn der Vater viel gearbeitet hat, dann hat er auch im Himmel noch alle Hände voll zu tun und muss jeden Abend den Mond anmachen.“

 

 

Kinder sprechen überhaupt viel von der Gegenwart der Verstorbenen („Meine Mama mag gern pink“), auch wenn sie wissen, dass die jeweilige Person tot ist. 
Und auch sie selbst leben im Hier und Jetzt mit ihrer Trauer, stolpern überraschend in sogenannte „Trauerpfützen“ hinein, werden von ihren Gefühlen übermannt und fragen nur wenige Momente später: „Können wir jetzt ein Eis essen gehen?“ 

Auch Wut findet selbstverständlich Platz, wie Beate Seemann erzählt:

Ein Kind, das ich begleitete, hat immer die fiesen Krebszellen der Mutter gemalt und war unglaublich wütend auf diesen Krebs, empfand dann aber auch Genugtuung, denn: Dieser blöde Krebs war nun ja auch tot und konnte keinen Schaden mehr anrichten. Das war ein richtiger Racheimpuls.

 

Dieser unverfälschte Umgang mit dem emotionalen Spektrum, das zu Tod und Trauer gehört, ist etwas, das Erwachsene oft neu lernen müssen, ebenso wie es körperlich zuzulassen. 

„Ich habe mal einen vierjährigen Jungen begleitet, der sich am offenen Sarg von seinem Vater verabschiedete“, so Barbara Hummler-Antoni. „Er hat noch mal eine Runde mit dem Matchbox-Auto um ihn gedreht. Daran wird er sich später erinnern, da bin ich mir sicher. Da wird keine Leerstelle bleiben.“

Nächstes Mal, wenn wir uns fragen, wie wir Kindern den Tod erklären sollen, wäre es also vielleicht eine gute Idee, auch ihnen mal genauer zuzuhören, offen mit unserem Nichtwissen umzugehen und gemeinsam zu philosophieren und auszuprobieren. „Wir sind alle noch nicht gestorben“, so Hummler-Antoni lachend.

 

 

Weitere Empfehlungen für ein Gespräch mit Kindern über den Tod und das Jenseits: 

Gut gemachtes Infotainment von Anja von Kampen: 
Knietzsche und der Tod: Schluss, aus, vorbei  

Auf Planet Schule findet ihr außerdem eine ganze Sendung von Knietzsche über die letzte Reise. Die einzelnen Episoden können auch in Tagesstätten und Bildungseinrichtungen eingesetzt werden:
Hallo Tod! – Was kommt, das geht!

 

Kindgerechte Bücher über das Jenseits: 

Silvia Fernández, David Fernández, Mercè López: Und danach – Gedanken über das große Jenseits (Bilderbuch ab 4 Jahre)

Mechthild Schroeter-Rupieper: Geht Sterben wieder vorbei? (Bilderbuch ab 5 Jahre)

Pernilla Stalfelt: Und was kommt dann? – Das Kinderbuch vom Tod (Bilderbuch ab 5 Jahren)

Kim Fupz Aakeson: Erik und das Opa-Gespenst (Bilderbuch ab 6 Jahren, nur noch gebraucht erhältlich)

Frida Nilsson: Sasja und das Reich jenseits des Meeres (Leseabenteuer ab 11 Jahren)

Und für Erwachsene:
Fabien Vehlmann, Kerascoët: Jenseits (Graphic Novel, skurril, kann triggern)

 

Auch im Spielzeugbereich tut sich was:

Das Wiener Bestattungsmuseum verkauft zum Beispiel Krematorien, Trauerhallen und Friedhöfe als LEGO Sets.

Der Münchner Künstler Rafael Hafner integriert in seine „Cheeky Racers“ Spielzeugtotenschädel und -skelette.

Schöne spielerische Ideen für Trauernde gibt es bei Vergiss mein nie.

 

Wir wünschen allen friedlotse Lesenden viel Spaß beim gemeinsamen Spielen, Lesen, Filmeschauen und Erforschen!

 

[Fotos: Angelika Frey, Kinderzeichnungen N. N. (anonym eingereicht, bereitgestellt von Johanna Klug)]





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