Wie versorgt man eigentlich Tote? – friedlotse im Selbstversuch

Möglichkeiten

Der Diskurs rund um das Lebensende, Bestattungen und individuellen Abschied hat Fahrt aufgenommen, und das ist gut so. Ein Thema, bei dem noch nicht genau genug hingesehen wird, ist jedoch das der Verstorbenenversorgung. Wer von uns hat wirklich schon einmal darüber nachgedacht, wie es einem ergeht in der Zeit zwischen Tod und Bestattung? Wer kümmert sich um unsere Körper und was genau wird mit ihnen gemacht? Können meine Zugehörigen sich da einbringen, und was gibt es zu beachten? Was macht es eigentlich mit einem, Menschen nach ihrem Tod noch einmal so nahe zu kommen? Unsere Autorin hat den Selbstversuch gewagt und bei verschiedenen Totenversorgungen assistiert. Von einer erzählt sie in diesem Artikel.

 

 

Im Julius Grieneisen Haus, dem Berliner Zuhause der Ahorn Gruppe und von Grieneisen Bestattungen, gibt es drei Stockwerke. Auf den zwei oberen findet man Büros und Konferenzräume, im Erdgeschoss finden Trauerfeiern sowie Abschiednahmen statt, und darunter liegen etwa hundert Verstorbene in der Kühlung und werden tagtäglich auf ihre Bestattungen vorbereitet.

Heute darf ich bei einer dabei sein. Barbara Rolf, Direktorin Bestattungskultur bei der Ahorn Gruppe, und René Menzel, Thanatopraktiker bei Grieneisen Bestattungen, möchten uns die wichtigsten Aspekte der Totenversorgung zeigen – der elementaren Arbeit, auf der beide Unternehmen aufgebaut sind. 

 

 

Barbara hat ihre Instrumente schon vorher zusammengesucht und erwartet uns im Versorgungsraum. Als wir reinkommen, habe ich ein mulmiges Gefühl. Ich habe noch nie einen Toten oder eine Tote von Nahem gesehen, geschweige denn angefasst. Heute werde ich nicht nur das tun, sondern mitversorgen, das bedeutet: den Körper waschen, Öffnungen verschließen, das würdevolle Erscheinen des Menschen so wiederherstellen, dass man ihn guten Gewissens seinen Hinterbliebenen zum Abschiednehmen oder, wie in diesem Fall, dem Feuer übergeben kann.

 

 

Auf den ersten Blick hat dieser Körper wenig Menschliches, wie wir es aus dem Leben kennen. Die Haut ist wächsern und etwas fleckig – ich darf sie in diesem Fall nur sehr sanft anfassen, denn sie ist bei dieser Verstorbenen wie Pergament, kann reißen und regelrecht abgestreift werden. Die Fingernägel sind blau angelaufen. Zudem ist der Körper dieser alt gewordenen Frau ausgemergelt, vermutlich hatte sie schon eine Weile lang nichts mehr gegessen. Ihre Augen sind halb geschlossen, der Mund steht offen, das Wort „entwichen“ kommt mir in den Sinn, dazu die leblose, steife Körperhaltung. Sie erinnert mich an einen gestürzten Vogel.

 

 

Wir nähern uns vorsichtig und respektvoll, sprechen ein wenig mit ihr, schauen auf das Namensschild, das an ihrem Zeh hing, wie alt sie geworden, wann genau sie gestorben ist. Wer war diese Frau, die da vor uns liegt? Was hat sie in ihrem fast hundertjährigen Leben erlebt? Wir werden es nicht erfahren, aber wir können ihrer irdischen Hülle – die sich „OF“, so steht es auf ihrem Sarg, also ohne Feier auf den Weg ins Krematorium machen wird – einen Dienst erweisen, der an zwischenmenschlicher Nähe schwer zu überbieten ist.

 

 

Mein Teammitglied Elisabeth wagt einen Anfang und nimmt ihre Hand. Da fängt der Herzschrittmacher der Verstorbenen an zu piepen. Zwölf Tage nach ihrem Tod. Einen kurzen Moment sind wir wie vom Donner gerührt. Ist das eine Reaktion? Zufall? Wie ist das möglich? Der Körper hat tatsächlich ansonsten nichts Lebendiges mehr. Er ist auf eine Art und Weise kalt, wie der fiebernde Körper eines Kindes heiß ist. Was auch immer das Piepen auslöste – wir nehmen es als eindrücklichen Moment und als Signal, nun beginnen zu dürfen. Unter Barbaras Anleitung machen wir uns an die Arbeit.

 

 

Zuerst werden Mund und Nase mit Watte und Desinfektionsspray gesäubert und danach auch mit Watte verschlossen. Wenn ich diese Worte vorher gelesen habe, habe ich mir immer einen kleinen Wattebausch vorgestellt, den man mit den Fingern leicht in die Öffnungen drückt. Doch weit gefehlt – meine erste richtige Aufgabe besteht darin, mit einer langen Pinzette Watte von oben senkrecht durch die Nasenlöcher in die Nebenhöhlen zu schieben. Die irrationale Angst, der Toten mit diesem doch recht übergriffigen Akt wehzutun, packt mich. Es kostet mich mehrere Versuche, bis ich den Vorgang anatomisch verstanden und meine Hemmung verloren habe, ihn auch wirklich durchzuführen. 

 

 

Gottseidank ist in diesem Fall keine Ligatur – der Verschluss des Mundes mit Nadel und Faden – notwendig. Obwohl sie bei der professionellen hygienischen Totenversorgung standardmäßig vorgesehen wird, muss sie laut Barbara nur in manchen Fällen durchgeführt werden. Dann nämlich, wenn der Mund nicht von allein geschlossen bleibt, wenn er z.B. auf einem Doppelkinn ruht oder wenn eine Mullbinde als Kinnstütze, die von einem schönen Tuch abgedeckt wird, nicht ausreicht.  

Danach sind die Ohren und Augen dran. Ich erinnere mich an die Empfehlung einer Hospizarbeiterin aus einem Praktikum, sich in herausfordernden Situationen auf die Dinge zu konzentrieren, die man an dem Menschen schön findet. Ich konzentriere mich auf die Ohren und überlege, wie lange sich vielleicht schon niemand mehr auf diese Ohren konzentriert hat.

 

 

Verschiedene Dinge helfen uns dabei, das Gesicht sanft zu modellieren, wieder natürlich aussehen zu lassen. Die Watte zum Beispiel eignet sich auch als Zahnersatz unter den Lippen. Bei den Augen sorgen sogenannte Eye Caps („Augenkappen“) dafür, dass sie unter den geschlossenen Lidern nicht so eingefallen aussehen. Ich tue mich nicht schwer, die Lider mit einem Haken hochzuheben und die Kappen einzusetzen. Liegt es daran, dass ich jeden Tag Kontaktlinsen trage oder gewöhne ich mich einfach langsam an die Situation? Nur kurz zucke ich zusammen, als ich das erste Mal in die Augen der Toten blicke. Ich fühle mich, als müsste ich ihr erklären, was ich hier eigentlich mache.

 

 

Stück für Stück tasten wir uns vor auf dieser körperlichen Landkarte. Narben, Flecke, jedes graue Haar und jede Falte sind durch Dinge entstanden, von denen wir nichts ahnen.

Obwohl wir einander noch nie vorher begegnet, vollkommene Fremde sind, säubere ich dieser Frau nun den Intimbereich, wische Körperflüssigkeiten ab, als wäre sie eine meiner kleinen Töchter. Es fühlt sich seltsamerweise nicht abwegig an. Eher finde ich es nachvollziehbar, dass sie in ihrer Situation am anderen Ende des Lebensspektrums genauso auf meine Hilfe angewiesen ist.

 

 

Nachdem wir sie gewaschen haben und Körperöffnungen verschlossen sind, treten bei ihr nun keine Flüssigkeiten mehr aus, doch zur Sicherheit ziehen wir ihr eine Windel an. Eines der Bilder, die sich bei mir einbrennen an dem Tag. Von der Wiege bis zur Bahre.

Sie bekommt noch ihr Sterbehemd angezogen, und dann ist es Zeit, unsere Verstorbene in den Sarg zu heben.

 

 

Wir kämmen ihr die Haare. Hände und Gesicht cremen wir ein, die Haut fühlt sich jetzt wärmer, fast wieder lebendig an. Auf einen Finger ziehen wir noch ihren Ring, der ihr mit ins Grab gegeben werden soll. Dann legen wir noch die Hand mit dem Ring über die andere. Der Vorher-Nachher-Effekt ist beeindruckend.

 

 

Uns eint nach diesem Erlebnis die Fürsorge für eine uns unbekannte Person, ihre Begleitung auf dem Weg aus dieser Welt. Es ist fast, als hätte sich unsere Lebendigkeit ein wenig auf sie übertragen und umgekehrt ihre stille Präsenz auf uns. So wie wir uns mit ihr während der Versorgung verbunden haben, ist auch unser Zusammengehörigkeitsgefühl um diese Tote herum gewachsen. Noch mehr als das: Jetzt, wo wir uns eine Stunde lang um sie gesorgt haben, ist sie eine von uns und wir gehören irgendwie zu ihr.

 

 

Viele Dinge versteht man erst in dem Moment, in dem man sie wirklich durchlebt. Das hatte ich vorher in Sachen Geburt begriffen. Was den Tod angeht, habe ich hoffentlich noch etwas Zeit, bis ich es herausfinde. Doch schon in seiner Anwesenheit erhält man andere Antworten – „So fühlt sich das also an.“; „Danach riecht es also.“ – und stellt auch andere Fragen: „Ist wirklich ganz klar, dass kein Leben mehr in diesem Menschen ist oder befindet er sich noch in einer Art Zwischenzustand?“

 

 

Ich habe ein fast wehmütiges Gefühl, die Dame aus der Hand zu geben. Sie strahlt eine friedliche Endgültigkeit aus, obwohl sie nun aussieht, als wäre sie nur eben eingenickt. Ihre Füße sind nackt und sehen aus, als könnten sie frieren, also bekommt sie Socken von uns. Das ist unsere Sargbeigabe.

Dank Barbaras wenig invasiver Mundschließmethode sieht es fast so aus, als würde sie lächeln. Wir lächeln zurück, aber es fühlt sich nicht so an, als würden wir sie bemitleiden, eher so, als wären wir noch ein bisschen neugieriger darauf geworden, was wir immer noch nicht wissen und was diese Frau nun weiß. 

 

[Fotos: Angelika Frey]

Alle Versorgenden waren geimpft und zusätzlich tagesaktuell getestet.





Zurück

Ähnliche Beiträge

Datenschutzeinstellungen

Datenschutzeinstellungen

Wir setzen Cookies erst, wenn Sie dem zugestimmt haben. Die Cookies helfen uns, unser Angebot zu optimieren. Vielen Dank!

Ich akzeptiere alle CookiesNur essenzielle Cookies akzeptierenIndividuelle Datenschutzeinstellungen

Datenschutzeinstellungen

Hier finden Sie eine Übersicht und Informationen zu allen verwendeten Cookies. Sie können Ihre Einwilligung zu ganzen Kategorien geben oder nur bestimmte Cookies auswählen. Alle Cookies werden anonymisiert.

Zurück | Nur essenzielle Cookies akzeptieren

Essenzielle Cookies (1)

Essenzielle Cookies ermöglichen die vollumfängliche Nutzung der Website.

Cookie-Informationen anzeigen

Statistik (1)

Statistik-Cookies helfen uns zu verstehen, wie Besucher unsere Website nutzen.

Cookie-Informationen anzeigen

Externe Medien (3)

Inhalte von Video- und Social Media-Plattformen werden standardmäßig blockiert. Wenn Cookies von externen Medien akzeptiert werden, bedarf der Zugriff auf diese Inhalte keiner weiteren Zustimmung mehr.

Cookie-Informationen anzeigen