Ab in die Cloud

Möglichkeiten

Von modernen Jenseitsvorstellungen und digitalem Weiterleben

Manche Leute sagen, jemand sei erst wirklich tot, wenn der Name das letzte Mal ausgesprochen wurde. 

Wie ist das dann eigentlich mit dem, was im Internet von einem Menschen übrig bleibt? 

Dein Name wird dich dort überdauern. Vielleicht wird er für immer dort zu finden sein, zusammen mit all den Spuren, die du, gewollt oder ungewollt, dort hinterlassen hast. Vermutlich auch präsent und greifbar für diejenigen, die um dich trauern oder sich an dich erinnern. 

Heißt das, wir sind dank der Digitalisierung unsterblich geworden? Gibt es ein Weiterleben in dieser „Kulturmaschine“, unserem materialisierten kollektiven Gedächtnis, einem digitalen Jenseits? 

Verschiedenste Anbieter berufen sich heute schon genau auf diese Hoffnungen, die im Kern wohl so alt sind wie die Menschheit, und doch in neuem Gewand daherkommen. 
Von Eter9, dem Social Media Network für die Ewigkeit, über Avatar-Gestalter wie Replika oder Hologramme von Verstorbenen bis hin zu einer südkoreanischen Firma, die mithilfe ausgeklügelter künstlicher Intelligenz die verstorbene Tochter „wiederauferstehen“ lässt: Der Wunsch nach dem ewigen Leben scheint ungebrochen, auch wenn viele Menschen ihn nicht mehr an eine Religion knüpfen wollen. 

Seit Jahrzehnten speisen wir individuelle Erinnerungen in Form von Nachrichten, Suchanfragen oder Social Media Posts in ein globales Netzwerk ein. Die Frage nach ethischen, spirituellen und ja, auch pragmatischen Konsequenzen für unser Lebensende kommt trotzdem erst jetzt vermehrt auf. 

Vielleicht hat die Pandemie und unser dadurch verstärktes Endlichkeitsbewusstsein damit zu tun. Vielleicht sind manche Technologien erst jetzt weit genug, um ernstgenommen zu werden. In diesem Spannungsfeld lässt sich angeregt diskutieren, ob wir uns nun von der Endlichkeit in die digitale Unsterblichkeit verabschieden können. Und im Silicon Valley herrscht Goldgräberstimmung. 

Wer das etwas gruselig findet, den können wir von vornherein beruhigen. Alle Interviewten dieses Artikels waren sich einig, dass die meisten Angebote bisher nicht wesentlich über eine technische Spielerei hinausgehen. Und doch ist das Thema voll im Trend und zweifellos sehr ernst zu nehmen.

Maike Klein zum Beispiel, die das von Bundesministerium für Bildung und Forschung (BMBF) und Gesellschaft für Informatik (GI) veranstaltete transdisziplinäre KI Camp organisiert, sagt im Gespräch mit friedlotse: „Die Möglichkeiten von künstlicher Intelligenz werden oft mystifiziert. Der weltliche Mensch, zumeist Mann, will Schöpfer sein – dabei verliert er sich auch hier teilweise in Science-Fiction-Szenarien. Es wird suggeriert, dass eine Realität wie in der Netflix-Serie ‚Black Mirror‘ heute schon möglich ist. Etwas mehr Realismus würde da nicht schaden.“

Lorenz Widmaier, der digitale Erinnerungspraktiken erforscht und momentan im Museum für Sepulkralkultur in Kassel einen Einblick in seine Forschung zeigt, sieht das ähnlich, versteht aber auch, warum die Vorstellung einer modernen Unsterblichkeit so verlockend ist:

Das Digitale ist gefühlt unendlich und bleibt für die Ewigkeit. Das ist ja irgendwie auch spirituell.

Und weiter sagt er: „Wenn man aber daran glauben möchte, dass man sich nach dem Tod wiedersieht, dann funktioniert das nach wie vor besser im Spirituellen als im Digitalen. Denn der Facebook Feed ist dann leider doch endlich.“

 

 

Das sieht auch Birgit Janetzky so. Die Trauerrednerin und freie Theologin berät Menschen an der Schnittstelle Tod und Internet. 
Wie Widmaier und Klein hat auch sie das Video gesehen, das eine südkoreanische Mutter zeigt, die mit dem digitalen Avatar ihrer kleinen verstorbenen Tochter noch einmal Geburtstag feiert.
„Das ist ja nicht wirklich die Tochter, sondern eine Sammlung von Daten, die zum Zeitpunkt des Todes stehenbleibt“, erklärt sie im friedlotse-Interview. „Das ist der Versuch, etwas in Worte zu fassen, was eigentlich nicht in Worte gefasst werden kann. Als könne man sich nicht lösen von der irdischen Gestalt und der des Lebens, wie wir es kennen. Ich gehe eher davon aus: Der Körper und die Aspekte unserer Persönlichkeit, mit denen wir uns identifiziert haben, vergehen. Das Geistige eines Menschen bleibt. Wie genau, das vermögen wir zu Lebzeiten nicht zu sagen.“

Beschränken wir uns also eher bei dem Versuch, uns digital für die Ewigkeit „einfrieren zu lassen“? Sind wir nicht viel mehr als Avatare oder Bots? 

„Zumindest ist das nicht der Kern unseres Wesens“, so Janetzky. „Das sind eher zufällige Dinge, die zur menschlichen Essenz hinzukommen, wie die Stimmlage zum Beispiel, die sich festhalten lässt. Aber das macht noch nicht den Menschen aus.“

Lorenz Widmaier basiert seine Aussagen über digitale Trauer- und Erinnerungspraktiken auf 30 empirischen Interviews. Keiner der Interviewten hatte Interesse daran, seinen Verstorbenen virtuell modellieren zu lassen und sich mit der Momentaufnahme dieses Menschen über dessen Tod hinaus auszutauschen.

Menschen ändern sich ja mit der Zeit, das kann die KI gar nicht sinnvoll abbilden. Der erstaunte, aber meist positiv gemeinte Ausdruck – ‚Ich habe dich kaum wiedererkannt!‘ – wäre für eine KI hingegen eher das Ende der Glaubwürdigkeit.

Das sagt Lorenz Widmaier und ergänzt: „Außerdem sind für viele Hinterbliebene schon Videos oder Sprachnachrichten zu real. Fotos und Textnachrichten transportieren da eine andere Distanz.“

 

 

Tatsächlich wählten einige der Hinterbliebenen digitale Medien wie Textnachrichten, um auch nach dem Tod ihres Menschen auf den gewohnten Kanälen in Kontakt bleiben zu können. Widmaier meint:

Getrauert und erinnert wird dort, wo gelebt wurde.

So schrieb eine Mutter zum Beispiel ihrem verstorbenen Sohn weiter über WhatsApp – sie lud sogar sein Handy wieder auf, um die blauen Häkchen sehen zu können, die den Empfang der Nachricht bestätigen.

Wirklich spannend, welche neue Kultur sich da zwischen Mensch und Maschine herauszubilden beginnt. Mithilfe des Internets entstehen laufend neue Möglichkeiten, zu trauern, sich auszutauschen und gemeinsam an jemanden zu erinnern – unabhängig davon, an welchem Ort oder zu welcher Tageszeit man online ist. 

Während an vielen Stellen die fehlende „Echtheit“ des Kontakts bemängelt wird, gibt es auch viel Ermutigendes zu beobachten: Beerdigungen werden gestreamt und so für mehr Menschen erlebbar, Videos werden hochgeladen, zu denen die Gemeinschaft beitragen kann, und in themenspezifischen Online-Gruppen fühlen sich Trauernde besser verstanden. 

„Facebook wird in der Wissenschaft oft als rein kapitalistisch abgeschrieben", erzählt Lorenz Widmaier. "Aber das interessiert die Trauernden überhaupt nicht. Vor allem bei besonderen Umständen, wie wenn sich das Kind suizidiert hat, gibt es oft kein lokales Trauerangebot und dann können die Hinterbliebenen über Facebook eine Trauergemeinschaft finden, in der die anderen einen ähnlichen Verlust erlitten haben.“

 

 

Teils ergeben sich auch höchst überraschende Trauergemeinschaften, wie die, die Widmaier unter dem Titel „Ghosts on Google Maps“ zusammengefasst hat: Zufällig von Google fotografierte, mittlerweile verstorbene Menschen werden hier von ihren Hinterbliebenen auf Maps aufgesucht, nur, um sie noch mal auf die vertraute Weise vor dem Haus sitzen zu sehen und dieses Bild zu twittern.

Während Trauernde im realen Alltag oft hören, dass es nun auch mal wieder gut sein müsse mit der Traurigkeit, scheinen längere Trauerphasen im Internet akzeptierter zu sein. Man wird von bestimmten Plattformen sogar auf die entsprechenden Jahrestage hingewiesen. Was wohl die psychologischen Konsequenzen dieses Nichtmehrloslassens sind?

Oder, wie Hans Block und Moritz Riesewieck in ihrem Buch „Die digitale Seele: Unsterblich werden im Zeitalter Künstlicher Intelligenz“ schreiben:

„Was passiert mit der Erinnerung, wenn nichts und niemand mehr verloren geht?“

Birgit Janetzky meint dazu: „Die digitale Sphäre ist ein Ort der Trauer, so wie der Friedhof auch. Da gehe ich ja auch am Anfang oft hin und dann vermutlich immer weniger oder bewusster an den Jahrestagen. Genauso funktioniert es auch im Internet: Eine Gedenkseite wird kurz nach dem Tod des Menschen häufig besucht und dann pendelt es sich so ein, wie es den Zugehörigen guttut.“

Ganz im Sinne der „Continuing Bonds“ kann sich die Beziehung mit dem Verstorbenen also über die digitale Auseinandersetzung hinweg verändern.

Das hilft den Hinterbliebenen eher, als dass es sie behindern würde, findet auch Lorenz Widmaier:

„Viele sagen, dass sie gar nicht ohne die Trauer leben wollen. Man muss sie nur gestalten. Die Menschen, mit denen ich gesprochen habe, haben die Verbindung in irgendeiner Form gehalten, sei es digital oder spirituell.“

Im Verlauf dieser Auseinandersetzung fällt es vielleicht auch leichter zu entscheiden, welche Erinnerungen für einen wichtig sind und welche nicht – und wie man getreu dieses Empfindens den digitalen Nachlass des Verstorbenen würdigt und verwaltet.

 

 

Denn oft, so Widmaier, sind nicht nur die bewussten Hinterlassenschaften eines Lebens entscheidend, sondern auch die zufälligen, alltäglichen Bewusstseinsschnipsel wie die Sprachnachricht, ob man am Abend gemeinsam zum Lieblingsitaliener gehen wolle oder das Foto vom Partner, wie er eben genau auf diese eine besondere Art im Garten sitzt. 

In jedem Fall werden Aufzeichnungen als besonders tröstlich empfunden, sofern sie dem Betrachter versichern: Dieser Mensch hatte ein gutes Leben. 

Das Smartphone, oft stets am Körper getragen wie ein Schmuckstück, bis an den Rand gefüllt mit Erlebnissen, Erinnerungen, Gedanken und Gefühlen des Verstorbenen, nimmt heutzutage einen zentralen Platz im Trauerprozess ein. 

Trotzdem birgt der Umgang mit dem digitalen Nachlass – zu dem auch andere Hardware wie der Computer, sowie Social Media Accounts, Verträge und Passwörter gehören – viele Herausforderungen für die Zugehörigen, zum Beispiel wenn Unklarheit bezüglich der Zugriffsrechte besteht. Dann sind sich Hinterbliebene oft unsicher, welches Verhalten die Privatsphäre des Verstorbenen verletzen würde. 

 

 

Hilfreiche Hinweise und Anregungen zum Umgang mit dem digitalen Erbe

Sehr hilfreich sind hier digitale Nachlassmanager, den dir dein Bestatter empfehlen kann. Vorsorgeportale, die den Zugriff auf Verträge und Accounts regeln, können in Nachsorgeportale umgewandelt und an den digitalen Erben übergeben werden. 

Was digitale Erinnerungen, also den emotionalen digitalen Nachlass angeht, ist die Sache noch etwas komplexer. „Die Fragen nach Erinnerungen kommen meistens erst so nach einem Jahr“, sagt Lorenz Widmaier. „Daher wäre mein erster Tipp, sich Zeit zu lassen und nicht vorschnell alles zu löschen.“

Auch auf Facebook sollte man das Profil des Verstorbenen nicht gleich in den Erinnerungsmodus umschalten, da sich so die Zugriffsrechte ändern: Zum Beispiel können keine Freunde mehr aus der Liste entfernt oder Alben aus den Fotos erstellt werden.

In der akuten Phase direkt nach dem Tod des nahen Menschen ist es also eine gute Idee, erst mal abzuwarten. „Man sollte nicht alle Türen auf einmal öffnen, sondern sich fragen: Welche Tür ist jetzt gerade am relevantesten für mich?“, sagt Birgit Janetzky. 

Und natürlich kann man es den Nachkommen auch einfacher machen, meint Birgit Janetzky: Es ist im digitalen wie im realen Leben dasselbe, wenn ich zu Lebzeiten nicht aufräume, haben meine Erben alle Hände voll zu tun, nach meinem Tod auszumisten. Der digitale Nachlass ist eben weniger greifbar und fängt auch nicht an, streng zu riechen. Deswegen wird er oft vergessen.
Digitales Housekeeping also. 

Wie gehen unsere Expertinnen und Experten mit ihrem digitalen Hab und Gut um?

Auch Maike Klein ist sich sicher: „Ich muss mein digitales Erbe regeln. Ich möchte das selbstbestimmt regeln, auch wenn ich meinen Angehörigen nicht verbieten möchte, einen Bot aus mir zu machen, wenn es ihnen hilft.“

Ändert diese Perspektive unseren aktuellen Umgang mit digitalen Medien? Lorenz Widmaier hat sich vom Ausmisten seines virtuellen Haushalts eher entfernt, wie es scheint: „Ich habe mir eine kleine Kamera gekauft, die ich jetzt immer dabei habe. Ich weiß nun, dass diese Bilder einmal wichtig werden könnten, entweder wenn Freunde oder Familie sterben oder eben, wenn ich selbst sterbe.“

Irgendwie kann einen die Auseinandersetzung mit diesem Thema mit der digitalen Welt versöhnen. Dann macht sich sogar eine gewisse Dankbarkeit für technische Möglichkeiten in der digitalen Trauer und Erinnerung breit. 

Widmaier ergänzt: „Eine meiner Interviewten meinte, ihr Partner sei nicht im Himmel, sondern in der Cloud. Das fand ich ganz gut zusammengefasst.“

 

[Bilder: Angelika Frey]





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