Mit Toten leben

Rituale

Warum ist es in unserer Gesellschaft aktuell nicht verbreitet, seine Verstorbenen um sich haben zu wollen? Können wir vom Internet, in dem längst Gedanken, Werke, Gefühlsäußerungen und Erinnerungen toter und lebendiger Menschen nebeneinanderstehen und sich gegenseitig beeinflussen, vielleicht auch für unsere physische Realität etwas lernen? Wie können wir gemeinsam bewirken, dass vergangenes Leben stärkere Sichtbarkeit erhält? Wie integrieren wir uns merklicher in die Generationen vor und nach uns?

 

„Alle im Kreis treten nacheinander im Rhythmus der Trommel vor. Sie macht die Stimmung. Nach ihr bewegen sich die Menschen. Mit ihrer Hilfe bringen sie ihre Gefühle zum Ausdruck, den Schmerz über Trennung und Verlust und die Freude über die Verbundenheit mit ihren Verstorbenen in diesem Augenblick. Mit den Menschen ändert sich der Rhythmus. Und die anderen gehen mit ihnen mit, nehmen sie auf in einem langgezogenen, gesungenen ‚Hmmmm‘, bis alle an der Reihe waren. Es wird irgendwann eine Ekstase, eine Trance. Die Ahnen tanzen mit, sie vereinigen sich mit den Menschen, kommunizieren mit ihnen. Hinterher fühlt sich die Gruppe befreit und erleichtert, wie neu geboren.“

 

 

Diese Geschichte erzählt der Trauerbegleiter Klaus Onnasch, der viel in Uganda gearbeitet und darüber geschrieben hat (zum Beispiel in seinem neusten Buch, „Trauer und Freude“). Und nicht nur, wenn man ihm zuhört, kann man leicht den Eindruck gewinnen, dass viele andere Kulturen einen lebendigeren Austausch mit ihren Toten pflegen, als es hierzulande üblich ist. In Mexiko gibt es den berühmten Dia de los Muertos (spanisch für Tag der Toten), im chinesischen Feng Shui werden Bilder der Ahnen im Haus und im Garten platziert, auf der indonesischen Insel Sulawesi werden die mumifizierten Toten an einem bestimmten Tag, Ma’nene, dem Fest der Zusammenkunft, wieder mit an den Tisch gesetzt, und in armen Ländern wie den Philippinen werden Friedhöfe sogar als Wohnraum genutzt.

 

 

In unserer westlichen Gesellschaft gibt es aktuell jedoch wenig Platz für unsere Vorfahren. Das Gedenken an sie ist zwar eng mit kirchlichen Feiertagen verbunden, Allerheiligen und Allerseelen im Katholizismus und dem Totensonntag im Protestantismus, doch leider verlieren diese kulturell immer mehr an Bedeutung, weil sich viele Menschen nicht mehr mit ihnen identifizieren können. 

Dabei wird der Wunsch auch unter jüngeren Menschen wieder stärker, sich mit den Ahnen beispielsweise mithilfe eines Familienstammbaumes auseinanderzusetzen. Sogenannte Familienaufstellungen, in denen familiäre Dynamiken der Vergangenheit psychologisch ergründet und in der Gruppe durchlebt werden, sind ein gutes Beispiel dafür. Und das oft eklektisch aus verschiedenen Glaubensrichtungen zusammengestellte spirituelle Verständnis, dass wir uns unsere Orte auch mit Toten teilen und ihre Prägungen uns bis heute beeinflussen, wächst. 

 

 

Vor allem aber nach dem Verlust eines geliebten Menschen wird das Bedürfnis auch in unserer Kultur besonders konkret, über den Tod hinaus Verbindung mit ihm halten zu wollen, nicht nur an besonderen Tagen wie dem Geburts- oder Todestag.

Es steht gesellschaftlich also an, neue Räume zu schaffen, in denen unserer Verstorbenen zeitgemäß und unabhängig von Religion gedacht werden kann. 

Die Mobile Akademie Berlin hat sich diesem Vorhaben auf kreative Weise genähert, wie zum Beispiel 2017 in dem ehemaligen Berliner Krematorium Silent Green, in dem die Theateraufführung „Das Milieu der Toten“ gezeigt wurde, die auf einem Forschungsantrag mit gleichnamigem Titel beruht. 

Die Schöpfer und Macherinnen der Akademie aus Philosophie, Kunstwissenschaft, Literatur- und Kunsttheorie nehmen vor allem die Perspektive der Toten (der sogenannten „Future Us“) ein und beschäftigen sich mit Fragen wie: 

Wie halten die Lebenden ihre Beziehungen zu den Toten aufrecht? Wird Trauerarbeit dazu genutzt, die Toten verschwinden zu lassen? Wie gehen wir mit dem Schweigen der Gestorbenen um?

 

Und weiter: „Gibt es zu viel oder zu wenig Kommunikation mit Toten? Wo ist der Ort für jene, die nicht mehr da sind, aber weiterhin Bedürfnisse und Forderungen an die Lebenden haben?
Wie kann über die Grenzen des Denkbaren und Sagbaren hinausgedacht und -gesprochen werden, ohne Esoterik, Psychologismus oder Religion zu betreiben?“

 

 

In ihrem Antrag geht die Gruppe davon aus, dass viele Menschen im Alltag mit ihren Toten in Kontakt stehen, es aber gar nicht bemerken oder sich nicht trauen, es zu erzählen, „da kognitive und narrative Rahmungen in der Regel fehlen“, auch wenn der Tod wieder präsenter geworden ist: „Man spricht heute viel über den Tod und noch viel mehr über das Sterben, aber die Toten und Ahnen gehen nicht um. Sie brauchen ein spezielles Milieu, um anwesend abwesend sein zu können, wie es so ihre Art ist.“

Auch der Forscher Lorenz Widmaier hat sich der Frage nach der modernen Kommunikation mit den Toten gewidmet und beschäftigt sich mit digitalen Trauer- und Erinnerungspraktiken, die er auch schon als Teil der MEMENTO-Ausstellung im Museum für Sepulkralkultur gezeigt hat. 

Eine Mutter, die er interviewt hat, schrieb ihrem verunglückten Sohn auch nach dessen Tod weiter über WhatsApp, lud sogar sein Handy wieder auf, um die Zeichen sehen zu können, die den Empfang der Nachricht bestätigten. Aus Angst, die digitalen Erinnerungen zu verlieren, druckte sie Screenshots des WhatsApp-Verlaufs und bewahrte diese in einem Fotoalbum auf. 

Widmaier sagt dazu: „WhatsApp ist zu einem wichtigen Medium für Hinterbliebene geworden, da hier der Alltag mit den Verstorbenen nacherlebt werden kann.“ Und:

Die Verstorbenen leben ja in einem selbst weiter und sind in den Alltag integriert. Man kann mit ihnen sprechen oder sogar noch an sie schreiben.

 

Klaus Onnasch erklärt im Gespräch mit friedlotse, dass das Kommunikationsmedium für den gefühlten Kontakt zu Verstorbenen entscheidend sein kann anhand der folgenden Geschichte aus seiner Trauergruppe: Eine Frau hatte sich nicht mehr von ihrem Mann verabschieden können. Kurz vor seiner Operation hatten sie telefoniert – ein Routineeingriff, der für ihn tödlich endete. 
„Sie wusste nicht einmal mehr, wer aufgelegt hatte“, so Onnasch. „Ich habe ihr dann vorgeschlagen, sie könne in Gedanken wieder ein Telefonat mit ihm führen und fragte sie: ‚Was sagt ihr Mann Ihnen jetzt?‘“
Die Gedanken ihres Mannes, die sie über die gefühlte Telefonleitung vermittelt bekam, vor Zeugen laut auszusprechen, tröstete die Frau merklich. Sie konnte so an die Beziehung anknüpfen, die sie vor dem Tod mit ihm geführt hatte. 

 

 

Die Geschichte erinnert einen an den psychologischen Begriff „Continuing Bonds“ – zu Deutsch: „Fortdauernde Beziehungen“. Während er fester Bestandteil moderner Trauerpsychologie geworden ist, gibt es auch nach wie vor viel Skepsis, wie heilsam eine aktive Beziehung mit verstorbenen Menschen sein kann.

Grund dafür sind nicht zuletzt Angebote wie Mediumismus oder Transkommunikation, die über einen dritten Menschen oder technische Hilfsmittel die Kommunikation mit Verstorbenen ermöglichen sollen. Oft fühlen sich Hinterbliebene zu solch einem Schritt ermutigt, nachdem sie einen sogenannten Nachtodkontakt (zum Beispiel das Spüren der Anwesenheit der oder des Verstorbenen, Träume, bedeutungsvolle Düfte oder Musik, Sehen, Hören oder Fühlen der oder des Verstorbenen) erlebt haben.  

Das Windbridge Research Center in Arizona, USA, das die Kommunikation mit Verstorbenen über menschliche Medien wissenschaftlich erforscht, schreibt dazu in seinen Veröffentlichungen:

Trauer wird erleichtert, wenn die Hinterbliebenen ihre fortbestehenden Bindungen an den Verstorbenen erkennen. Hier geht es vor allem darum, ob diese Erfahrungen die Trauer lindern können, und nicht, ob sie die tatsächliche Kommunikation mit dem Verstorbenen widerspiegeln.

 

Laut einer von dem Zentrum zitierten Studie hatte ein Großteil der Teilnehmenden nach einer Begegnung mit einem Medium angegeben, dass sich ihre Trauer signifikant verringert habe und teilten Kommentare wie: „[Das Medium] hat mir geholfen, die Trauer zu bewältigen, die mich seit mehr als 20 Jahren begleitet.“

Man kann also annehmen, dass es unerheblich ist, ob die Kommunikation mit unseren Toten „äußerlich“ oder „innerlich“ erfolgt.

Solange sie für einen selbst real ist, hat sie einen heilenden Effekt.

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Möchtest du in Kontakt mit deinen Verstorbenen treten und deine Toten ins Leben einbeziehen?

 

 

Diese Dinge können dir dabei helfen:  

  • Einen Ahnenaltar bauen: Richte einen Platz in deiner Wohnung mit Bildern der Verstorbenen und je nach Geschmack auch mit Blumen, Kerzen oder persönlichen Gegenständen ein. 
  • Einen Brief schreiben: Gibt es ungeklärte Dinge zwischen dir und deinem verstorbenen Menschen? Möchtest du deine Dankbarkeit für die gemeinsame Zeit zum Ausdruck bringen? Schreib einen Brief und behalte ihn für dich, vergrabe ihn im Garten oder verbrenne ihn in einem kleinen Ritual. 
  • Zum Friedhof oder an einen gemeinsamen vertrauten Ort gehen: Hier kannst du dich nah fühlen und innere Gespräche mit deinen Verstorbenen führen. 
  • Es kann außerdem helfen, die Hände bei der Gartenarbeit oder Grabpflege in der Erde zu haben.
  • Tanzen hilft auch! Laut Klaus Onnasch ist es in unserer Kultur leider noch nicht sehr verbreitet, seiner Trauer auch körperlich Ausdruck zu verleihen, dabei kann es unheimlich befreiend und verbindend wirken (z. B. nach Gabrielle Roths „5 Rhythmen“). 
  • Zuhause kannst du für deine Verstorbenen einen sonst leeren Platz mitdecken, beim Essen Geschichten über sie erzählen, Bilder, Kerzen oder Blumen aufstellen, etwas nach ihren Rezepten kochen oder backen. 
     

 

Eine, die verinnerlicht hat, dass die Toten Teil der Familie bleiben und das Gedenken an sie durchaus gesellig sein darf, ist Renate Liessem, die schon viele Angehörige beerdigen musste, auch eines ihrer Kinder und ihren Mann. 
Sie pflegt das Familiengrab von vier Generationen – allerdings, so sagt sie friedlotse, ist das „so angelegt, dass es wenig Arbeit macht“. 

Die Zusammenkünfte mit ihr auf dem Friedhof waren oft so fröhlich, dass Freunde der Familie sich entschlossen, auch dort begraben zu werden, um keine der zukünftigen Veranstaltungen zu verpassen. 

Das Grab war immer unser Treffpunkt“, erzählt Renate Liessem. „Danach gingen wir noch nett essen, haben uns Geschichten erzählt und den Verstorbenen auf die fröhlichste Weise gedacht.

 

Sie erinnert sich lachend: „Schön war, als ein Kind unserem Opa dann statt Blumen eine Flasche Wein auf den Friedhof mitgebracht hat. Ich fand das so rührend: Es wollte ihm einfach was Gutes tun.“

 

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Wie haltet ihr Verbindung mit euren Verstorbenen?
Was macht ihr, wenn ihr eure Toten vermisst? Wie haltet ihr den Kontakt? Habt ihr Ideen, welche Orte geschaffen werden könnten, um individuelle Trauer und Erinnerung auch gesellschaftlich spürbarer zu machen?

 

[Fotos: Angelika Frey]





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