Von Aufbrüchen und Übergängen

Reflexionen
Was Lebensanfang und Lebensende gemeinsam haben

Es lohnt sich, sich mit den Erlebnissen zu beschäftigen, die uns alle im Menschsein einen. Und die Dinge, um die es in diesem Kontext unausweichlich geht, sind die Geburt und der Tod. 

Wir werden alle mithilfe unserer Mutter und den Menschen, die ihr Beistand leisten, geboren. Und fast alle von uns brauchen auch wieder ein wenig Hilfe und Beistand, wenn sie sterben. 

Es läge also nahe, diese beiden großen und unumgänglichen Marker des Lebens in den gesellschaftlichen Diskurs zu integrieren. Nur leider handelt es sich bei beiden auch immer noch um Tabuthemen unserer Gesellschaft. Wir bekommen zwar die einen oder anderen Geschichten zu hören, vor allem wenn wir selbst zum Kreis der ‚Betroffenen‘ gehören. Doch die körperlichen, blutigen, gewissermaßen rohen Aspekte der Geburt und des Todes werden immer noch oft als ‚eklig‘ und das Hinschauen als Zumutung empfunden. 
Sowohl die Geburt als auch der Tod sind in vielen Fällen aus dem Zuhause in die Institutionen gewandert und finden hinter verschlossenen Türen statt. Das ‚Ideal von Kontrolle und Eingriff‘ und eine zunehmende ‚Medikalisierung‘ (Cecilia Colosseus: ‚Gebären Erzählen‘) haben sich über das letzte Jahrhundert eingeschlichen. So sehr, dass das Gebären und Sterben zuhause fast schon einem emanzipatorischen Akt und zivilem Ungehorsam gleichkommen. 

Doch der Drang nach Mit- und Selbstbestimmung wird in beiden Fällen immer stärker, der Druck auf die Institutionen, beide Prozesse bedürfnisorientiert auszurichten, wächst. Je mehr sich die Bevölkerung informiert und aufklärt, umso eigenmächtiger vermag sie zu handeln.  

‚Mein Körper gehört mir!‘ – Dieser Ausruf der Frauenbewegung ist übertragbar auf das, was in der Geburtshilfe stattfindet und auch im Bereich Tod und Bestattung langsam wieder seinen Weg in die Gesellschaft findet. Eine Entwicklung, die nicht vom Staat und auch nicht von den Einrichtungen gemacht wird, sondern von den Menschen selbst. Und eben diese Menschen geraten nun wieder zunehmend ins Zentrum des Geschehens. 
 

 

Der Weg dahin ist lang, denn weder die Geburt noch der Tod lassen sich aus der Perspektive des Geborenen beziehungsweise des Gestorbenen erzählen. Wir können keins von beidem einfach ausprobieren, um hinterher zu erzählen, was sich bewährt hat. 

Ein Mann, der sich seit langer Zeit intensiv mit beiden menschlichen Urereignissen auseinandersetzt und versucht, der Tiefe des Erlebens auf die Spur zu kommen, ist Oliver Peters, vom buddhistisch inspirierten Sukhavati-Zentrum für Spiritual Care in Bad Saarow. 

Die Geburt ist genauso traumatisch, fundamental und transformierend wie der Tod.

 

Das sagt er friedlotse am Telefon. „Um genau zu sein, machen wir während der Geburt unsere erste Todeserfahrung. Die Nabelschnur wird währenddessen abgedrückt, die Durchblutung läuft nicht mehr, die Nährstoffe kommen nicht mehr an. Man kann davon ausgehen, dass das für das Kind an Todesängste grenzt.“

Auch Barbara Rolf, Bestattungskulturbeauftragte bei der Ahorn Gruppe, vergleicht die Situation des Menschen, der zur Welt kommt, mit der des Menschen, der sie verlässt:  
„Beide stehen auf einer Schwelle, deren ‚Dahinter‘ sie nicht kennen. Sie müssen in blindem Vertrauen einen Schritt wagen, von dem sie nicht wissen, wohin er führt. Diesen Schritt müssen sie allein gehen.“

Ein Kontrollverlust also, den wir in unserer Kultur nicht schätzen. Ein Moment, der absolutes Loslassen und Vertrauen von uns fordert. Eine Grenzerfahrung, meint Barbara Rolf, die sich an die Todesfälle in ihrem Leben und an die Geburt ihrer Tochter aus der mütterlichen Perspektive erinnert:

Beides, das Sterben und die Geburt sind existenzielle Erfahrungen, die einen an und über Grenzen führen, die erschütternd, beängstigend und unendlich schmerzhaft sein können, aber auch total beeindruckend, erfüllend und schön.

 

„Beides verändert unser Leben ganz grundlegend, beides verändert uns. Beides ist etwas Natürliches, in seiner Allgemeinheit fast Banales, zugleich ist es etwas Unbeschreibliches und Einzigartiges.“

„Nun ist eine Geburt angesichts der allgemein positiv konnotierten Ankunft eines Kindes sicherlich nicht mit einem Herzinfarkt oder einer schweren Krebserkrankung vergleichbar“, schreibt Cecilia Colloseus in ihrer auch als Buch veröffentlichten Dissertation ‚Gebären Erzählen‘. „Allerdings wird auch durch sie eine Lebensgeschichte (zumindest beim ersten Kind) ‚ in zwei deutlich voneinander abgegrenzte Epochen eingeteilt‘ (Lehmann 2007, 198), nämlich in die Zeit ohne Kinder und die Zeit als Eltern.“
 

 

Beides ist also ein Neubeginn. Das sieht auch Lea Gscheidel von Charon Bestattungen so, ihres Zeichens Bestatterin und Mutter von Zwillingen.

Du hast einen Zustand von Davor und Danach, der unglaublich trennscharf ist, auf den du dich aber nicht vorbereiten kannst.

 

Das sagt sie im Gespräch mit friedlotse. „Klar kannst du Geburtsvorbereitungskurse machen und dich belesen oder dich bei einer Krebserkrankung versuchen darauf einzustellen. Aber trotzdem weißt du nicht, wie die Realität sein wird und was sie mit dir machen wird. Und wenn diese Veränderung dann eintritt, musst du sie innerhalb weniger Momente für dich integrieren.“

Und sie führt fort: „In beiden Momenten kann sich der Alltag enorm verändern und nimmt einen Teil der Identität, zum Beispiel bei einer langen Pflegetätigkeit und dem eintretenden Tod oder natürlich das mehr oder weniger unabhängige Leben, das durch die eintretende Geburt und die ständige Pflege eines Säuglings radikal verändert wird.“

Einen neuen wichtigen Teil der eigenen Identität gewinnt man allerdings auch hinzu.

Oliver Peters beschreibt es so: „Frauen, die geboren haben, sind oft weiter als Männer. Diese Erfahrung von Schmerz kennen die Männer gar nicht. Die Sufis sagen: ‚Stirb, bevor du stirbst.‘ Wir sind alle nur physisch geboren, bevor wir emotional geboren werden und über uns selbst hinaus in unser wahres Ich hineinwachsen. Das geht manchmal nur durch eine solche große Erfahrung.“

 

 

Peters kennt viele Beispiele aus verschiedenen Kulturen, in denen heranwachsende Frauen und Männer durch Initiationsriten menschlich reifen sollen: Die Inuit, die ihre Kinder allein im Wald aussetzen. Taufrituale, die an Waterboarding grenzen. Ein Bekannter, der mit Jugendlichen Häuser im zerstörten Kriegsgebiet Bosniens wiederaufbaute. Oder auch der ‚Sonnentanz‘ in der indianischen Tradition. In einer beeindruckenden Szene aus ‚Ein Mann, den sie Pferd nannten‘ wird ein heiratswilliger Mann an Adlerkrallen in der Haut am Zelt hochgezogen und hängt in der Sonne: „Das ist eine so schmerzhafte Erfahrung, dass sie einer Todeserfahrung gleichkommt“, sagt Peters. „Das wird rituell begleitet, ist also keine Folter, sondern es geht darum, dass der Mann durch diese unglaublich schmerzhafte Erfahrung sein kindisches und niederes Ich hinter sich lässt. Das findet in unserer Kultur nicht mehr statt.“ Kein Wunder also, dass sich Sehnsüchte nach Adrenalinkicks, Drogen, Perversionen, sprich: der Konfrontation mit den eigenen Dämonen und extremen Empfindungen, herausbilden. ‚Das darf man nicht, das ist zu gefährlich.‘ 

Unsere Kultur fürchtet sich so sehr vor echten Emotionen, dass in den Gesprächen über Geburt und Tod nicht mal die Widersprüchlichkeit von gleichzeitigem Freud und Leid Ausdruck finden darf. „In der Kommunikation über diese Übergänge gibt es viele Parallelen“, findet auch Lea Gscheidel. „Aus der Geburt wird das Trauernde, Schwere, Schmerzhafte herausgehalten … Wochenbettdepression, sich von dem Leben verabschieden, das man vorher hatte, das wird alles ausgeblendet.“

Und beim Thema Tod trauen sich die Leute nicht mal zu sagen, dass es eine schöne Beerdigung war. Dabei können auch da viele schöne versöhnliche Dinge passieren: Gemeinschaft kann stark erlebt werden, wir spüren viel Liebe, Unterstützung und Dankbarkeit. Nur weil es schlimm ist, sollte man nicht verhindern, dass es auch schön sein kann. Das macht alles nur noch schlimmer.

 

Franziska Molina, die Hochzeiten und Geburten, aber auch Trauerfeiern und Sternenkinder fotografiert, stimmt im Gespräch mit friedlotse zu: „Ich habe auch viele Trauerfeiern erlebt, auf denen bei bestimmten Erinnerungen gelacht wurde. Am Anfang habe ich in solchen Momenten gedacht: Das kannst du doch jetzt eigentlich nicht fotografieren. Aber es gehört eben dazu, wie Tränen auch zu einer Geburt gehören. Ich habe noch bei keiner Geburt trockene Augen gehabt. Die Gefühle gehen in alle Richtungen.“

Ein Gefühl, das sowohl zur Geburt als auch zum Tod von den Beiwohnenden oft geäußert wird, ist: „Ich würde es dir so gerne abnehmen.“ Der werdende Vater würde der werdenden Mutter gerne die Schmerzen abnehmen, die Enkelin würde dem sterbenden Großvater gerne den Weg in einen friedlichen Tod zeigen können. 
 

 

Und einen gewissen Teil können wir vielleicht tatsächlich beitragen: Beides scheint leichter zu werden, wenn die Begleitung stimmt. Wir atmen mit unter der Geburt, wir fiebern auf die ersten Atemzüge hin, wir sitzen in den Zwischenräumen der letzten Atemzüge eines geliebten Menschen. Vielleicht gehen nicht nur die Gefühle, sondern auch die Wehen in alle Richtungen. 
In der Tat scheinen Geburts- und Sterbephasen miteinander vergleichbar zu sein: die völlige Zentrierung auf sich selbst, die stark veränderte Atmung, das sich Ergeben und Vertrauen auf ein Naturereignis, das sich der eigenen Kontrolle zu großen Teilen entzieht. 
Was bei beiden Ereignissen zählt, ist also eine Atmosphäre, in der man sich fallen lassen kann. 

„Man verkrampft dann ja doch, das ist wie ein Sprung vom Zehnmeterbrett, man hat das vorher ja noch nie gemacht“, sagt Oliver Peters.

Es ist so gut, im Augenblick des Todes in eine freudige Empfindung hineinzugehen, in etwas, das dich inspiriert hat.

 

„Was ist etwas, das dich froh gemacht hat? Musik, ein Bild oder Text? Bestimmte Düfte? Welche Menschen möchtest du um dich haben, welche lieber nicht? Wir können zuhören, sprechen, uns einfühlen, vorlesen, ins Ohr flüstern, Orientierung geben. Das kann man als Sterbe- und auch als Geburtsbegleiter tun.“ 

Hat Peters selbst Angst vor dem Tod? „Ich glaube, es kommt nichts auf uns zu, das wir nicht schon kennen. Die Todeserfahrung zur Geburt, die vielen anderen kleinen und großen Tode, die wir schon zu Lebzeiten erfahren. Unsere Psyche kennt den Tod. Nur das Festhalten am Leben, wie wir meinen, es zu kennen, ist der Schmerz. Das heißt, wenn wir glauben, wir könnten unser Handy auf die andere Seite mitnehmen … Das wird schwierig.“
 

[Bilder: Franziska Molina]



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